Tier des Jahres 2005
Die Zauneidechse
 Martin Partsch / Pro Natura
 

Pro Natura Communiqué
5. Januar 2005
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Die Zauneidechse - trotz Bescheidenheit auf der Verliererseite

Die Zauneidechse ist das Tier des Jahres 2005. Kriechtiere wie sie sind die grossen Verlierer einer aus- und aufgeräumten Landschaft. Besonders bedenklich: die Zauneidechse hat dermassen gemässigte Ansprüche an Lebensraum und Klima, dass es ihr in der Schweiz eigentlich sehr gut gehen könnte.

Einst muss die Zauneidechse so häufig gewesen sein, dass ihr dies zu ihrem Namen verholfen hat. Die Eidechse, die man überall entlang von Weidezäunen sehen konnte; wie sie zum Sonnen an Zaunpfählen hochkletterte und sich bei Gefahr blitzschnell ins Altgras fallen liess oder in ein benachbartes Brombeergestrüpp verschwand.

Nomen war omen
Doch die Zauneidechse, der Prototyp einer Eidechse und der älteren Generation von Sonntagsspaziergängen her bekannt, ist verschwunden und Kindern von heute bestenfalls aus Bilderbüchern bekannt. Pro Natura hat sie deshalb zum Tier des Jahres 2005 erwählt. Sie, die in ihren Ansprüchen derart gemässigt ist, findet hierzulande kaum mehr ein Auskommen. Das ist bedenklich.

Dabei ist die Zauneidechse punkto Lebensraum und Futter wenig wählerisch. Sie siedelt dort, wo sich auch der durchschnittliche Homo helveticus niedergelassen hat: im Mittelland und der Nordwestschweiz. Sie lebt zwischen Licht und Schatten. Grenzbereiche braucht sie, da wo Wald fliessend in Wiese übergeht, wo ein vergessener Holz- oder Steinhaufen einen Platz an der Sonne anbietet und wo genügend Versteckmöglichkeiten im verfilzten Altgras vorhanden sind, fühlt sie sich wohl. Die Zauneidechse ist eine Kulturfolgerin, siedelt gern an Bahndämmen. Selbst in naturnahen Gärten trifft man sie an. Es sei denn, es hat zu viele Katzen in der Umgebung.

Gerangel am Südhang
Durchschnitt als herausragende Eigenschaft, was zur Schweiz gut passen würde. Und dennoch ziehen Reptilienforschende und Naturschützer seit Jahren die Alarmglocken, wenn es um die Zukunft der Kriechtiere nicht nur um die der Zauneidechse geht. Nur gerade die Blindschleiche steht noch nicht auf der Roten Liste. Den 14 anderen Kriechtieren steht das Wasser bis an den Schuppen bewehrten Hals. Die Ordnungsliebe Helvetiens lässt gestufte Waldränder verschwinden. Der Steinhaufen ist der Maschine im Weg, ein Saum mit abgestorbenem Gras sieht schmutzig aus. Ein gestufter buchtiger Waldrand mit Krautsaum bringt keinen Profit. Gerade so wie die Trockenwiese am unüberbauten Südhang. Zieht der Mensch in die «bevorzugte Wohnlage» ein, zieht das Reptil im Gerangel um den Sonnenplatz stets den Kürzeren.

So ist die Kulturlandschaft verarmt. Und die Zauneidechse ist ein Sinnbild dafür. Sie steht für das Schicksal von vielen anderen Tieren und Pflanzen, nicht zuletzt den Schmetterlingen. Diese wie auch die Eidechse sollen 2005 noch einmal von der Kampagne «Mehr Platz für Schmetterlinge» profitieren. Pro Natura will in diesem Jahr ihr Engagement für vernetzte Lebensräume und die Trockenwiesen verstärken damit Zauneidechsen und Schmetterlinge in der Kulturlandschaft eine zweite Chance erhalten.

Weitere Auskünfte:
Peter Rüegg, Medienverantwortlicher Pro Natura, Tel. 061 317 92 24,
Mobile 079 387 31 89; peter.rueegg@pronatura.ch

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Ein Männchen der Zauneidechse beim Sonnenbad (© Martin Partsch / Pro Natura; Bild darf nur im Zusammenhang mit dem nebenstehenden Pressetext verwendet werden)